SOEDAK2009 --- PREPARE FOR THE LONG RUN

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Titel
"EKAF" avant la lettre? ART-bezogene Risikomanagementstrategien bei MSM in Deutschland
Autor
Phil C. Langer1, Jochen Drewes2, Ursula von Rüden3, Angela Kühner1,4
Abstract
Hintergrund: Seit ihrer Publikation im Januar 2008 ist die Stellungnahme der Eidgenössischen Kommission für Aids-Fragen zur Nicht-Infektiösität HIV-Infizierter unter wirksamer ART Gegenstand internationaler Debatten. Der damit verbundenen Hoffnung auf De-Stigmatisierung von HIV-Positiven stehen Befürchtungen hinsichtlich möglicher Auswirkungen auf das Schutzverhalten gegenüber, insofern der Therapiestatus zu einem Entscheidungskriterium für ungeschützten Geschlechtsverkehr werden könnte. Empirische Forschungsergebnisse zu den Auswirkungen der Stellungnahme auf das Sexualverhalten liegen bislang nicht vor.
Methodik: Von November 2006 bis Juli 2007 wurde im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und des Kompetenznetzes HIV/Aids die Studie „Positives Begehren“ zur Untersuchung der psychosozialen Dynamiken des HIV-Risikoverhaltens von MSM in Deutschland durchgeführt. Basierend auf der Grounded Theory wurden 58 qualitative Interviews mit kürzlich HIV-diagnostizierten MSM und ungetesteten MSM mit aktuellem Risikoverhalten geführt. Vor dem Hintergrund der Debatte um die EKAF-Stellungnahme wurde eine Sekundäranalyse der Daten mittels diskursanalytischer Auswertungsverfahren vorgenommen, um die bisherigen Implikationen der ART auf sexuelles Risikoverhalten zu bestimmen.
Resultate: Überzeugungen einer geringeren bis nicht-vorhandenen Übertragungswahrscheinlichkeit des HI-Virus bei nicht-nachweisbarer Viruslast lassen sich vielfach in den Interviews identifizieren. Sie korrelieren mit der Bereitschaft zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr: Erstens kann vereinzelt eine Risikomanagementstrategie konstatiert werden, die ungeschützten Geschlechtsverkehr in Abhängigkeit vom Therapiestatus des positiven Partners ermöglicht. Zweitens wird auf sie durch die befragten therapierten Positiven rekurriert, um ungeschützten Sex mit anonymen Partnern unbekannten Serostatus zu legitimieren. Zugleich ist ein Bewusstsein des Einflusses anderer STDs auf die Übertragungswahrscheinlichkeit von HIV in den Interviews nur marginal zu finden.
Schlussfolgerung: Bereits seit Jahren kursieren in der schwulen Community verhaltensrelevante Annahmen zur Transmissionswahrscheinlichkeit von HIV unter wirksamer ART. Durch die EKAF-Stellungnahme wird der Therapiestatus vermutlich zu einem weiteren Entscheidungsparameter für Risikoentscheidungen bei MSM. HIV-Prävention hat auf die damit einhergehende Multiplizierung potentieller Risikosituationen durch eine verstärkte Thematisierung der Rolle von STDs in der Übertragung von HIV sowie De-Stigmatisierungsbemühungen zu reagieren, um ein Disclosure des Therapiestatus zu erleichtern.
Datei SOEDAK_09_OSB4.pdf